Michael Kerawalla - Kompositionen und phantastische Romane

Turoon - Leseprobe 1

In diesem Moment betrat Torg die Mine und ging gleich auf einige Lingits los, die sich zu spät erhoben hatten. »Wollt ihr wohl arbeiten, ihr faulen Schmarotzer, oder soll ich euch die Flossen stutzen!« schnaubte der Draugh lauthals und ließ seine großen Scheren drohend aufeinander schlagen, worauf sich die Lingits beeilten, ihre Plätze einzunehmen. »Pass auf, heute hat er schlechte Laune!« raunte Cherou Saira zu. Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter und sah, wie sich der Draugh drohend hinter ihnen aufbaute. Wieder kroch die Angst in ihr hoch. Obwohl sie sich vom vorherigen Tag noch nicht erholt hatte, versuchte sie so schnell und konzentriert wie möglich zu arbeiten, wenngleich ihr schon nach kurzer Zeit die Arme wieder schmerzten. Auch die anderen Lingits arbeiteten noch verbissener und die angstvolle Stille, die über der Mine lag, wirkte äußerst beklemmend auf Saira. Doch ihr Martyrium wurde noch verschlimmert, als Torg zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich einen der Lingits völlig grundlos anschrie und ihn beschuldigte zu langsam zu arbeiten. Dann ergriff er schon den Lingit mit seinen großen Scheren und zerrte ihn brutal nach hinten. Der bettelte vergeblich um Gnade, als Torg ihn vor sich in den Sand presste und anschließend mit extrem lauten Sonarimpulsen traktierte. Sein Opfer wälzte sich schreiend und winselnd im Sand, während Torg ihn gnadenlos immer weiter quälte. Das Geschrei des Lingits war für Saira kaum zu ertragen. Die Sonarimpulse waren selbst für sie noch schmerzhaft laut, wie schlimm musste es dann erst für den armen Lingit sein! Als Saira zögerte, zischte Cherou ihr zu: »Mach weiter!« Saira warf ihm einen verzweifelten Blick zu, befolgte aber seine Aufforderung. Torg machte keine Anstalten, seine Bestrafung zu beenden, sondern quälte den Lingit immer weiter mit seinem Sonar. »Wann hört er denn nur endlich damit auf?« flüsterte Saira den Tränen nahe. »Kümmere dich nicht um ihn und arbeite weiter, sonst bist du als nächstes dran!« zischte der Lingit neben ihr drohend. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, wie ernst er es meinte. In diesem Moment beendete Torg endlich das Martyrium seines Opfers und ließ ihn frei. Der Lingit schwamm torkelnd zu seinem Platz zurück. Er zitterte so stark, dass er kaum sein Werkzeug halten konnte. »Lasst euch das eine Lehre sein! So wird es jedem von euch gehen, der nicht richtig arbeitet!« rief Torg drohend und baute sich wieder hinter den Lingits auf. Saira war einerseits erleichtert, andererseits hatte sie die grausame Bestrafung, die dazu noch völlig unberechtigt war, so erschüttert, dass sie sich kaum auf die Arbeit konzentrieren konnte. Jedesmal wenn der Draugh in ihre Nähe kam, zuckte sie zusammen, in der Erwartung, als nächste bestraft zu werden. Trotzdem strengte sie sich an, um so viel Feuerstein wie möglich zu schürfen, auch wenn ihre Arme schrecklich schmerzten. Schließlich erschien ihr das Signal, das die Essenspause einleitete, wie eine Erlösung. Sie holte sich wortlos ihren Tang und ließ sich etwas weiter abseits der restlichen Sklaven auf dem Sand nieder. Der alte Flemm hatte ihr diesmal nur einen mitleidsvollen Blick zugeworfen. Auch Cherou ließ sich neben ihr nieder. Als Saira mit ausdruckslosem Gesicht wortlos auf ihrem Tang herumkaute, fragte er besorgt: »Ist mit dir alles in Ordnung?« Saira warf ihm nur einen kurzen Blick zu und nickte. Immer wieder ging ihr die schreckliche Szene der Bestrafung des Lingits durch den Kopf. Immer wieder hörte sie das entsetzliche Geschrei des gequälten Opfers. Zum ersten Mal in ihrem Leben verspürte sie richtige Angst. Sie wusste im Moment einfach nicht, wie sie damit umgehen sollte, da spürte sie Cherous Hand auf ihrer Schulter. »Ich weiß, wie du dich fühlst«, sprach er sanft. »Uns allen ist es am Anfang ähnlich ergangen. Auch wir mussten lernen, mit der Ungerechtigkeit und der Grausamkeit unserer Herrscher zu leben. Versuch dich einfach durch die Arbeit von deinen Gefühlen ab­zulenken.« Darauf schenkte er ihr noch einen aufmunternden Blick. »Irgendwann macht es dir nichts mehr aus!« Davon war Saira zwar weniger überzeugt, aber sie warf Cherou trotzdem einen dankbaren Blick zu. Dann war die Pause auch schon wieder zu Ende.


© Michael Kerawalla 2011

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